Die Krinoline Attraktion - nur noch auf dem Münchner Oktoberfest
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Liebe alte Krinoline


Krinoline hieß der Reifrock den früher die Frauen unter den Tanzkleidern trugen
"Jeggerlna", stellt einer aus dem Oberland fest, "jetzt ham s' die Krinoline aa elektrisch gmacht!" Und seinem Sprössling erzählt er anschließend, wie er einmal in seiner Kindheit gerade recht gekommen ist, als einem Schwungburschen, einem schwind­süch­ti­gen Stadt­frack, schlecht geworden ist. "Wos moanst, wia i mi neiglegt hab. Dene hab i's zoagt..." Und nach­dem er unter seiner Loden­joppe die Muskeln springen lässt, dass es aus­schaut, als ob er le­ben­di­ge Sem­mel­knö­del dort hätte, sagt er nur ver­ächt­lich: "Heut gibt's ja koane Manna mehr.

Heut müssen s' alles elektrisch macha!" Als er aber die Blas­mu­si­kan­ten näher be­trach­tet, sieht er doch, dass die we­nigs­tens echt sind. Echt wie der Adler­flaum. Echt wie die böh­mi­schen Stückln, die sie in ihrem was­ser­dich­ten Ver­schlag nach altem Wiesn-Kri­no­li­nen­brauch mit haus­häl­te­ri­schem Blas­balg und ge­sun­dem Durst spielen.

Auf einem Taferl steht für jedermann zu lesen:
"Don't jump while" und darunter: "Moving Carussel". Mühsam buch­sta­biert ein som­mer­spros­si­ger Dritt­klass­ler die­se Mit­tei­lung. "Des is aus­län­disch," be­lehrt ihn ein schrä­ger Onkel, für den das Aus­land bereits nach dem Ver­las­sen der Bier­bude be­gon­nen hat. Ein anderes Taferl tut kund, dass das Auf- und Ab­sprin­gen wäh­rend der Fahrt ver­bo­ten ist. Eine ur­ge­müt­li­che Sache also; denn wem fiele es sonst schon an­ders­wo bei den su­per­schnel­len Krei­sel­flug­ma­schi­nen ein auf- oder ab­zu­sprin­gen!

Bald füllen sich die Bankerln auf dem großen Schau­kel­ka­rus­sell. Viele ältere Leute, denen die Kri­no­li­ne seit Kind­heits­ta­gen ver­traut ist, nehmen Platz. "Des is a Spaß für an kloana Geld­beutel," meint eine Oma, die ihrer En­ke­lin und sich ein echtes Wiesn­er­leb­nis gönnen will. Und ein altes Ehe­paar pflich­tet dank­bar bei: "De Gaudi ko unseroans aa no derkraftn!"

Jetzt kurvt die absolut schwenksichere Chefin des Un­ter­neh­mens ele­gant in eine Bank­nische nach der andern, um das Fahr­geld zu kas­sie­ren. Dabei hakt sie sich in die roten Bogen ein, die ein Abteil mit dem andern ver­bin­den. Ein­haken tut sich auch der nicht mehr ganz selb­stän­di­ge Wit­wer Grandl aus der nahen Schwan­tha­ler­höh. Und dass er dabei die nuss­brau­ne Lady Jackson aus Cansas City er­wischt, nimmt ihm keiner übel.

Nun ist die Krinoline in voller Fahrt und schwingt wie der Reif­rock einer le­bens­lus­ti­gen Bie­der­mei­er­bal­le­ri­na nach allen Seiten. Einen dieser Schwen­ker, un­ter­malt von der Blech­ka­pel­le mit dem Stückl "I möcht gern dei Herz­klopf n hörn...", ani­miert den Maurer Vitus, sein Ohr an den Balkon seiner Braut zu legen. Aber statt des Herz­klop­fens hört er, was der Ama­teur­bauch­red­ner von ne­ben­an seinem Spezi flüs­tert: "Du, Xare, meim Steckerl­fisch is scho ganz zwoaraloa!"

Aber schon schaltet der Chef den Strom ab und be­tä­tigt die Bremse. Mitten im Spiel hört auch die Blas­mu­sik auf. Und nur mehr das Pfeiferl vom Vogl-Jakob auf der Zunge eines Fahr­gas­tes zwit­schert die Melo­die zu Ende. "Aus is und gar is und schad is, dass wahr is", sagt dem Vitus seine Braut. Vor lau­ter tau­me­li­ger Glück­se­lig­keit stol­pert sie über ihre eigenen Füße. Und weil sie dabei der ha­sel­nuss­brau­nen Lady einen un­er­war­te­ten Stoß ver­setzt, fällt jene die Treppen hin­un­ter gerade in die offenen Arme des kaf­fee­brau­nen Mister Black, den sie auf der Über­fahrt ken­nen­ge­lernt und in Bre­mer­ha­ven ver­lo­ren hatte.

Aus dem Münchner Notizbücherl, von Günther Göpfert
Münchner Stadtanzeiger - Freitag, 25. September 1964

Lange ist es her...
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